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Street View Reise nach Petuschki
Eine groteske audiovisuelle szenische Lesung
Spielort
Premiere in Horns Erben Leipzig. Danach weitere Aufführungen im Weltecho Chemnitz und ab Herbst in der naTo Leipzig.
Zeitraum
Premiere am 13. April 2011. Weitere Aufführung am 16. April 2011, jeweils 20:00 Uhr. Im Mai 2011 im Weltecho Chemnitz. Ab Herbst in der naTo Leipzig.
Konzept
Der zu Googles Kartendienst „Google Maps“ angebotene Zusatzdienst „Google Street View“ ist in Deutschland gestartet. Die darüber im Vorfeld geäußerten Kritiken überdecken die faszinierende Seite von Google Maps.
Wenn man über die reich verpixelten Häuser Deutschlands hinausblickt, lassen sich Bilder aus einer der reizvollsten Gegenden der Welt entdecken. Seit Februar 2010 stehen sie online und zeigen einen Teil des größten Staates der Erde: Russland, genauer, eine Fahrt mit der legendären Transsibirischen Eisenbahn von Moskau bis Wladiwostok - in Bewegtbildern! Eine faszinierende Reise über zwei Kontinente durch sieben Zeitzonen, vorbei an hunderten Haltestellen und Bahnhöfen. 150 Stunden und fast 10.000 Kilometer dauert eine Fahrt auf der längsten Bahnstrecke der Welt.
Ein Teil dieser berühmten Route lässt sich in diesem Projekt visuell als künstlerisch verfremdete Schnittfassung auf der Leinwand erleben.
Die malerischen Flecken quer durch ganz Russland werden konterkariert durch eine szenische Lesung des Romans „Die Reise nach Petuschki“ von Wenedikt Jerofejew.
Das Poem zählt zu den wichtigen Texten moderner russischer Literatur. Es wurde schon bald nach seinem Entstehen 1970 eines der populärsten Manuskripte im russischen Untergrund und wird heute als ein moderner Klassiker betrachtet. Jerofejew avancierte zum Kultautor.
Der Ich-Erzähler, Wenja genannt, will am Freitag von Moskau in das zwei Stunden entfernte Petuschki fahren, wo ihn seine Geliebte und sein Kind erwarten. „Nach Petuschki“ aber, heißt es gegen Ende des Romans, „kommt überhaupt keiner“. Von Station zu Station werden die Monologe des Antihelden und die Gespräche mit seinen Mitreisenden absonderlicher. Seine Erlebnisse, wie auch seinen Alkoholkonsum, verdichtet Jerofejew zu einer surrealen satirischen Collage.
Die fröhliche Sauftour eines durchschnittlichen Sowjetbürgers steht im Mittelpunkt, der nachweist, dass Alkohol der zentrale Motor der russischen Gesellschaft war und ist, sei es in Arbeitswelt oder Geistesleben. Dostojewskihaft Absurd seine Selbstgespräche über Gott und die Welt, die heute so aktuell sind wie vor vierzig Jahren. Seine Botschaften sind universell und zeitlos.
Die Zuschauer werden mit einem schroff-verzerrt anmutenden Werk unterhalten, das ihm tiefe Einblicke in die Gedankenwelt des Protagonisten gewährt. Komik und Schmerz, tief empfunden und geistvoll umgesetzt. Ein extravaganter Parforceritt durch die russische Landschaft und Gesellschaft.
Akustisch zusammengehalten wird der Abend mit Musik von der Band „Trio Bravo“. Mit ihren überschwänglichen Kompositionen, die Lebensthemen von Tragik bis Komik ausdrücken, machen sie seit 1995 ihrem Namen alle Ehre und sorgen auf Konzerten von Berlin bis Bilbao für Furore. Die Musiker mit russisch-bulgarisch-polnischen Wurzeln erschaffen in ihrer Musik alle Nuancen von Licht und Schatten. Aus der Interpretation traditioneller osteuropäischer Musik entwickeln sie einen eigenen Stil.
Künstlerisches Handwerk und kompositorisches Können verbindet Klassik und Klezmer mit Pop- und Rockrhythmen. Die Eigenkompositionen erklingen in einer zutiefst fühlbaren Musik, die Sehnsucht, Melancholie und pure Lebensfreude ausdrückt.
Street View Reise nach Petuschki - eine groteske audiovisuelle szenische Lesung als Gesamtkunstwerk in der Tradition der großen Absurden, für jeden, der sehen und hören kann und der etwas für große Literatur, für Tragikomik, für die Russen und die Macht der Bilder und der Musik übrig hat.
Venedikt Jerofeev
Wenedikt Jerofejew, geboren 1938 bei Murmansk, gestorben 1990 in Moskau.
Studierte an der philologischen Fakultät der Lomonossow-Universität in Moskau, arbeitete als Heizer, Wärter, in einer Pfandflaschenannahme, als Mitglied einer parasitologischen Expedition und als Monteur im Fernmeldewesen. Er litt unter Alkoholismus.
Über „Reise nach Petuschki“ (Originaltitel “Moskau - Petuschki”) schreibt er: „Dieses Buch ist ein Roman über das Saufen, das damit verbundene Kotzen, das sich meist saumäßige Fühlen - ob man nun zuwenig oder zuviel getrunken hat.“
Moskau – Petuschki
In Moskau wurde am „Platz des Kampfes“ ein Denkmal für den Roman aufgestellt. Auf der einen Seite sieht man einen Mann, der sich an einem Bahnschild festhält, auf dem „Moskau“ steht. Auf dem Sockel findet sich die Inschrift: „Man kann ja schließlich auf die Meinung eines Menschen nichts geben, der noch nicht dazu gekommen ist, sich den Kopf klar zu trinken!“ Auf der anderen Seite steht eine junge Frau an einem Bahnschild mit der Aufschrift „Petuschki“. Darunter ist zu lesen: „In Petuschki verblüht nie der Jasmin und verstummt nie der Vogelgesang.“
Horns Erben
Feinsten Schnaps, erlesene Weine und edle Liköre gibt es in der Arndtstraße 33 schon seit der Jahrhundertwende. Mit 24 Jahren gründet Wilhelm Horn seine Spirituosenfirma, die im Winter 1923 ins Handelsregister der Stadt Leipzig eingetragen wird. Drei Jahre später kauft der Jungunternehmer eine alte Sektkellerei in der Arndtstrasse 33. Im Keller wird produziert, oben ausgeschenkt: „Horns Weinstube“ ist das Flagschiff von insgesamt 46 Filialen. Nach dem Krieg geht es erfolgreich weiter, bis 1972. Dann greift der sozialistische Staat zu: Enteignung.
1991 ein letzter Neustart. Bis heute geblieben ist ein kleiner Fabrikverkauf aus dem Hause Wilhelm Horn. Ende 2004 entdeckt re:tina e.V. die historischen Räumlichkeiten und bringen als „Horns Erben“ neues Leben in die alte Weinstube. Auf Bildern aus der Anfangszeit ist noch jener mondäner Glasvorbau zu sehen, der sich über die gesamte Breite des Hauses erstreckt haben muss. www.horns-erben.de
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